Deutschland braucht eine gesamtgesellschaftliche und inklusive Debatte zu pränatalen Testverfahren

Berlin, 3. Dezember 2018 – Zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung positioniert sich die Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie (CBP) klar für eine offe-ne und inklusive Debatte um den Einsatz von pränatalen, molekulargenetischen Tests. Die bisherigen Tests verfolgen weniger medizinische Zwecke, sondern werden zur Optimierung der Ungeborenen genutzt. Behinderung wird als „Normabweichung“ klassifiziert und bedeutet meist das Todesurteil für die Ungeborenen.

Behinderungen wie Trisomie 21 können bei Ungeborenen seit 2011 durch nicht-invasive mo-lekulargenetische Tests noch während der Schwangerschaft festgestellt werden. Eine wirkli-che Diagnose können diese Tests allerdings nicht bieten. Bisher mussten werdende Eltern diese Leistung selbst zahlen. Für 2019 ist zu erwarten, dass sich der Gemeinsame Bundes-ausschuss (G-BA) dafür ausspricht, dass diese Tests in den Katalog der Gesetzlichen Kran-kenkasse aufgenommen werden und damit für gesetzlich versicherte, schwangere Frauen bezahlt werden sollen. In den nächsten Jahren werden Tests für weitere Krankheiten oder auch bloß für die Veranlagung für bestimmte Krankheiten erwartet. Auch eine frühe Ge-schlechtsbestimmung des Fötus ist möglich. Bisher ist fachpolitisch kaum diskutiert worden, welche medizinischen Zwecke hinter diesen Tests stehen sollen. Ihr Einsatz eröffnet nach bisheriger Kenntnis meist keine therapeutischen Möglichkeiten, sondern beeinflusst lediglich die elterliche Entscheidung, ob das Ungeborene zur Welt kommen darf.

„Bisher fehlt die gesamtgesellschaftliche Debatte, wie mit molekulargenetischen Tests um-gegangen werden soll und welche Folgen sie haben werden“, macht Johannes Magin, 1. Vorsitzender des CBP, deutlich. „Die Tests suggerieren, dass Behinderungen vermieden werden sollen.“ Eltern geraten unter Rechtfertigungsdruck, wenn sie die Testmöglichkeit entweder nicht wahrnehmen oder sich bei einem Befund für ihr Kind entscheiden. Schon jetzt werden neun von zehn Föten mit der Diagnose Down-Syndrom abgetrieben. Das steht im Widerspruch dazu, dass Deutschland 2009 die Behindertenrechtskonvention der Verein-ten Nationen ratifiziert hat. Damit hat sich unsere Gesellschaft dazu verpflichtet, die volle und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung sicherzustellen. Durch die Tests steht die Gesellschaft jetzt vor der Frage, ob Menschen mit Behinderung überhaupt er-wünscht sind und leben dürfen.

Vor diesem Hintergrund erschreckt es, dass die Bundesregierung in Form von Fördergeldern die Einführung von Pränataltests zur Bestimmung einer Trisomie 21 unterstützt und der G-BA ihn als wissenschaftlichen Fortschritt bezeichnet. Eine ausreichende und inklusive Betei-ligung der Bürgerinnen und Bürger zu den ethischen und gesellschaftlichen Fragen, die mo-lekulargenetische Tests aufwerfen, hat bisher nicht stattgefunden. Sie sollte dringend nach-geholt werden, bevor die Verantwortung für den Einsatz von weiteren Pränataltests wieder auf die individuelle Ebene abgegeben wird und Eltern damit allein gelassen werden, ohne sich ausreichend informiert zu fühlen.


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